ARTcube21 Logo

Mit Druck in die Moderne

Die Wiener Secession - Foto: Anibal Trejo/shutterstock

Von Alfred Kubin über die Wiener Secession zu Florentina Pakosta: In Österreich war die Druckgrafik schon immer ein Treiber progressiver Kunst.

Ein gigantischer Knochenmann überragt eine Winterlandschaft. Das Riesenskelett leert einen Sack über einem Bauernhof aus; unheilvoll rieselt der schwarze Inhalt auf das schlafende Gehöft. Das Bild „Epidemie” stellt nur eine der Todesszenerien dar, die der österreichische Künstler Alfred Kubin während einer Lebenskrise 1900 zeichnete.

Grusel auf Papier: Alfred Kubin

Totenköpfe, Mischwesen und grausame Frauenfiguren bevölkern sein albtraumhaftes Frühwerk, für das Grafikzyklen wie Francisco de Goyas „Schrecken des Krieges” oder die „Schwarzen Bilder” von Odilon Redon Pate standen. Wie sehr der heimische Grafiker heute international geschätzt wird, bewies zuletzt der Auktionsrekord von über einer Million Euro, der 2019 – also noch vor Coronakrise – für die Tuschezeichnung „Epidemie” erzielt wurde.

Francisco José de Goya - "Los desastres de la guerra", Blatt 60, 1810-1814

Faksimiles, Grafikzyklen und Mappen

Kubin wäre als junger Zeichner wohl kaum so schnell bekannt geworden, hätte nicht ein Münchner Verleger Faksimilies seiner Schreckensbilder produziert. Später erkannte er selbst das Potential der Lithografie und schuf zahlreiche Grafikzyklen, die als Mappenwerke aufgelegt wurden. Dafür musste der zurückgezogen auf Schloss Zwickledt in Oberösterreich lebende Künstler jedoch keine Drucksteine wuchten. Er verwendete vielmehr spezielles Umdruckpapier, das er an professionelle Lithografen weitergab. Kubin schuf auch Illustrationen für Bücher von Edgar Allen Poe, Fjodor Dostojewsky oder E.T.A. Hoffmann.

Japan als Vorbild: Wiener Secession

Um die Jahrhundertwende entdeckten auch die Wiener Secessionisten mit dem Holzschnitt eine der ältesten Drucktechnik für sich: Der Holzschnitt, der bereits Albrecht Dürers Renaissancekunst Breitenwirkung bescherte, kam in Mode. Bedeutsam für dieses Revival war nicht zuletzt die Kunst Japans, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkt in den Westen gelangte. Die Secession widmete Nippons Farbholzschnitt bereits 1900 eine eigene Ausstellung, die viele ihrer Mitglieder inspirierte. Gustav Klimt interessierte sich für die Masken des No-Theaters und für erotische „shunga”-Drucke. Sein weniger bekannter Kollege Emil Orlik studierte die Kunst des „ukiyo-e“ bei einer Ostasienreise 1901 und gab sein Wissen später in Kursen weiter

Holzschnitt um 1900: Carl Moll, Broncia Koller-Pinelle, Franz von Zülow

Die alte-neue Technik brachte eine neue Sensibilität für Linie und Fläche, Vorder- und Hintergrund mit sich. Die Secessionszeitschrift „Ver Sacrum” widmete dem Wiener Farbholzschnitt etliche Ausgaben. Wie die Schau “Kunst für alle” 2016 in der Frankfurter Schirn zeigte, entstand so in Wien noch vor den deutschen Expressionisten eine reduziert-moderne Formensprache. Jugenstilkünstler:innen wie Carl Moll, Broncia Koller-Pinell oder Franz von Zülow experimentierten oft direkt am Druckstock mit Farbe, Form und Umriss. Die reproduzierbare Kunst gewann durch niedrige Preise an Popularität.

Alte Technik neu gedacht: Wiener Werkstätte und Ernst Fuchs

In den 1920er-Jahren unterrichtete die neue Kunst­gewerbeschule Drucktechniken und die Künstler:innen der Produktions­gemeinschaft Wiener Werkstätte entdeckten die Verviel­­fältigungs­­techniken für Grußkarten und Gebrauchsgrafik. Nach 1945 wurde die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus” durch ihre in hoher Auflage re­pro­du­zierten Werke beliebt. Deren berühmtester Vertreter Ernst Fuchs orientierte sich stilistisch an alten Meistern wie Matthias Grünewald oder Albrecht Altdorfer. Sein erster Holzschnitt „Selbstportrait” von 1945 zeigt den während des Nationalsozialismus verfolgten Künstler expressionistisch und mit fratzenhaft elongierter Nase. In den 1960er-Jahren wandte sich Fuchs der feinlinigeren Radierung zu, mit der er Bildzyklen wie „Samson” oder „Sphinx” auf Büttenpapier kreierte.

Ernst Fuchs - 2007 © Wikimedia Commons

Gegen das Patriarchat: Florentina Pakosta

Eine feministische Position heimischer Grafik würdigte die Albertina 2018 mit Florentina Pakosta. Die Diskriminierung der Frau verarbeitete die 1933 geborene Künstlerin in Kopfbildern, die sie selbst androgyn mit Glatze zeigen. Das männliche Gesicht der Macht griff Pakosta satirisch auf, indem sie Grimassenspiel oder Mensch-Maschinen-Fantasien freien Lauf ließ. In ihren Kreuzschraffuren setzte Pakosta auch maskuliner Weichheit ein Denkmal: Ihre Federzeichnungen „Männliche Genitalien in nicht erigiertem Zustand” befinden sich heute in der Sammlung der Albertina.

Kunst begegnet uns an den unter­schied­lichs­ten Orten: in Galerien, Ateliers, Museen, in Pri­vat­woh­nun­gen – aber auch in Form einer In­stal­la­ti­on...
Was macht Text in einem Kunstwerk? Was will er dort? Was ergänzt er? Und braucht es ihn überhaupt? Als Robert...
Kunst kann man heute auch im Internet sehen und kaufen. Warum Vernissagen trotzdem wichtig sind, erklärt die Wiener Galeristin Sophie...
Früher galten schmutzige Füße auf Gemälden als Provokation. Ist Schönheit in der Kunst auch heute ein Kriterium? Haben Sie schon...
Zu Lebzeiten Vincent van Goghs (1853-1890) boomten Radierungen. Doch vom Meister selbst gibt es nur eine einzige: das Porträt seines Arztes Paul Gachet. Die Entstehungsgeschichte einer der wertvollsten Radierungen der Welt ist tragisch.