Hans Staudacher zählt zu den wichtigsten österreichischen Künstler:innen der Nachkriegszeit. In Kooperation mit der Galerie Ernst Hilger bietet ARTcube21 vier seiner Drucke an.
Alfred Kubin, Egon Schiele, Gustav Klimt – diese drei Big Names der österreichischen Kunstgeschichte wirkten auf den jungen, frisch am Landesinstitut für bildende Kunst in Klagenfurt ausgebildeten Hans Staudacher wie Magnete. Als 27-Jähriger zog er von Kärnten nach Wien, um sich aus nächster Nähe mit ihren Werken zu beschäftigen. Der Eisenbahnersohn aus St. Urban am Ossiacher See, der bis dahin vor allem kleinformatige abstrakte Arbeiten in Grau-Schwarz gemalt hatte, entdeckte seine Liebe zur Farbe. Um sich aber den Aufenthalt in Wien leisten zu können, arbeitete er in einer Teppichreinigung. Auch hier war er umgeben von Farben, vor allem aber von Fasern, was seine Hinwendung zu textilen Werkstoffen, aber auch zu Holz und Harz erklären dürfte, die er neben den klassischen Untergründen wie Leinwand und Papier immer wieder bearbeitete – und damit Künstlerkollegen wie Jean-Michel Basquiat zeitlich voraus war.
„Malerei erzählt nicht mehr, sie handelt“
Von Wien zog es Staudacher nach Paris, wo er zwischen 1954 und 1962 die Strömung des „Tachismus“ (auch „Art Informel“, siehe Infobox unten) für sich entdeckte. Auf die Nachkriegsgeneration der 1950er- und 1960er-Jahre wirkte deren gezielter Kontrollverlust wie eine Befreiung: Endlich konnte, durfte, ja sollte man bei diesem expressiven Malstil seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Mochte die Elterngeneration, die gerade in Österreich oft guten Grund hatte, über ihre Emotionen und das frisch Vergangene der Kriegsjahre zu schweigen, ihre Gefühle unterdrücken. Die Jungen wollten sich öffnen: „Abstrakte Kunst ist Handschrift, Farbe, Tanz, Spiel, Zeichen, Einfall, Wort, Überfluss, Bewegung, Geschwindigkeit“, formulierte Staudacher 1960 in seinem „Manifest“ (siehe Infobox), und weiter: „Es ist so vieles getötet worden. Durch die Geschwätze der letzten Jahrzehnte, weil die innere Stimme und der Blick nichts mehr wahrnehmen. (…) Malerei erzählt nicht mehr, sie handelt.“Was ist Tachismus?
Farbrevolte gegen die „braunen Mörder“
Um dieses Manifest und Staudachers Haltung zu verstehen, muss man sich bewusst machen, dass seine Kunst in einer Zeit entstand, in der vieles verdrängt und behübscht wurde. Österreich in der Hauptschaffensphase Staudachers war das Land der Sisi-Seligkeit. „Das Schwarzwaldmädel“ (1950), „Der Förster vom Silberwald“ (1954) oder „Die Fischerin vom Bodensee“ (1956) bilden die Mainstream-Tapete, vor der man sich Rebell Staudacher vorstellen muss. „Braune Mörder“ pinselte der Maler, der gegen seinen Willen direkt nach der Schule zum NS-Arbeitsdienst eigezogen worden war, 1968 auf gräulichen Untergrund. Immer wieder tauchen Schriften, lesbare oder unlesbare kalligrafische Notizen in seinen Arbeiten auf, die oft zerstört, abgeschabt, überschrieben sind: Lettrismus nennt man diese Technik, die als Hinweis auf das durch die Leinwand nach außen drängende Unbewusste verstanden werden kann.
Abstrakte Kunst ist Handschrift, Farbe, Tanz, Spiel, Zeichen, Einfall, Wort, Überfluss, Bewegung, Geschwindigkeit. Sie ist unübertragbar, nicht zu verstehen. Sie ist Übermut – und das deshalb, weil sie Macht hat. Sie gibt zuviel, so zuviel, dass sie sich selbst tötet. (…)
Es ist so vieles getötet worden. Durch die Geschwätze der letzten Jahrzehnte, weil die innere Stimme und der Blick nichts mehr wahrnehmen. (…)
Malerei und Poesie erzählt nicht mehr, sie handelt.Manifest Hans Staudacher (1960)
Malerei, Collage, Druckgrafik
International machte Staudacher sich bald einen Namen. Auch, weil er Österreich gleich drei Mal auf der Biennale vertrat: 1956 in Venedig, 1965 in Tokio, wo er mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, und 1975 gemeinsam mit Cornelius Kolig und Gotthard Muhr in São Paulo. Seine Werke mit Schwerpunkt Malerei, Collage, Druck und Druckgrafik fanden seither Eingang in zahlreiche öffentliche und private Sammlungen auf der ganzen Welt – unter anderem in die Grafische Sammlung Albertina, die Staudacher zuletzt 2022 im Rahmen einer Action-Painting-Ausstellung zeigte, und in jene des Cincinnati Art Museums. Nichtsdestotrotz musste er, wie seine Gattin in einem Interview anmerkte, bis ins hohe Alter „jeden Groschen umdrehen“. Reich wurde er zu Lebzeiten nicht.
Ernst Hilger: Galerist und guter Freund
Sein Galerist und persönlicher Freund Ernst Hilger, mit dem ARTcube21 für dieses Projekt kooperiert, hat zu seinem 90. Geburtstag unter dem Titel „Gegen den Strom“ eine Ausstellung für Staudacher ausgerichtet. Viele seiner Ölbilder sind bis heute über Hilger zu beziehen, vier ausgewählte Drucke, Lithografien und Siebdrucke bietet ARTcube21 nun im Rahmen einer Kooperation an. Jetzt, wo der Künstler zwei Jahre tot und in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof begraben ist, widmet ihm seine Galerie eine weitere Ausstellung, Hans Staudacher, dem wilden Manifest-Autor, dem Küsserkönig von Wien, dem passionierten Zigarrenraucher und im eigenen Land lange Übersehenen – ein Tribut zum 100. Geburtstag.
„‚Bussi‘ hat der Meister der informellen Malerei nicht nur einmal in seine rasch hingeworfenen Farbwogen und -striche und -kringel geschrieben; mit Wangenküssen, links, rechts, links, begrüßt er Freunde, Bekannte, Galeristen, Sammler. Neben Wortverdrehungen und schlagfertigen Sprachspielereien ist heitere Freundlichkeit eines seiner hervorstechendsten Wesensmerkmale. Nie ein missgünstiges Wort über Künstlerkollegen: Das ist, gerade in Wien, ziemlich selten.“
Zitiert aus: Andrea Schurian, „Heute könnte ich mir alle Farben leisten“, Porträt zum 90. Geburtstag, erschienen 2013 im „STANDARD“.
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Hans Staudacher zum 100. Geburtstag – Ausgewählte Werke
Eröffnung ist am 14. Januar 2023, das wäre der 100. Geburtstag von Hans Staudacher. Gezeigt wird eine Auswahl von Arbeiten auf Papier und Leinwand aus dem Zeitraum 1960 bis 2000. - Galerie Ernst Hilger, Dorotheergasse 5, 1010 Wien
- Eröffnung: Samstag, 14. Jänner 2023, 15–17 Uhr