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Rückblick auf die 59. Biennale di Venezia

Biennale Rückblick - Foto: Maya McKechneay
"Können und Müssen" (Ability and Necessity), 2022" - ein männliches (Ohn-)Machtsgespann der deutschen Künstlerin Raphaela Vogel.

Am 27. November 2022 endet die Kunstbiennale 2022 – ein Festival im Zeichen der multiplen Krise.

Milch der Träume

„The Milk of Dreams“, so lautete das Motto, das Kuratorin Cecilia Alemani der von ihr geleiteten Kunstbiennale 2022 vorangestellt hatte. Es ist einem Kinderbuch der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington (1917–2011) entnommen, und die ausstellenden Künstler:innen nahmen es mal mehr, mal weniger wörtlich: Am direktesten reagierte Kurator und Künstler Mohamed Shoukry, indem er gigantische Euter (Milk!) von der Decke des ägyptischen Pavillons baumeln ließ. Hm, interesting. Doch welches Resümee lässt sich über die am 27. November 2022 zu Ende gegangene 59. Biennale ziehen – dieses Festival im Zeichen der weltweiten Krise?

Rückblick Biennale - Maya McKechneay
Viel beachtet, immer voll: Francis Alÿs Installation „Nature of the Game“ im belgischen Pavillon

Belgischer Pavillon: Keep it simple

Eine Beobachtung angesichts vieler sehr verkopfter Beiträge könnte lauten, dass es oft gerade die einfachen Anordnungen waren, die die größte Wirkung erzielten. So wie die Arbeiten des Künstlers Francis Alÿ im belgischen Pavillon: Sie alle widmeten sich dem Thema „Kinderspiele“ – und genau die sah man auch auf kleinen Ölgemälden und großen Monitoren, verteilt über den halbdunklen Raum. Murmeln, mit Farbe bemalte Schneckenhäuser oder Autoreifen, in Bewegung gebracht von Kinderhänden mit unglaublicher kreativer Energie, die quer über die Kontinente trotzig gerade dort zu sprießen schien, wo die Zerstörung durch Erwachsene am weitesten fortgeschritten war. Ein Trost? Ein Hoffnungsschimmer? Vielleicht.

Dänischer Pavillon: Tod der Romantik

Einen Überraschungsmoment bot auch der dänische Pavillon: Man betrat ihn durch eine riesenhafte vergoldete Stalltür. Im Inneren: Dämmerlicht, duftende Torfstreu und auf dem Boden ein toter Zentaur. Genauer gesagt, ein Pferd mit dem hyperrealistisch aus Wachs geformten Oberkörper einer Frau, der dort zu Füßen der Ausstellungsbesucher:innen ausgebreitet lag.

Wer genau hinsah, entdeckte ein Fohlen, das das Wesen gerade noch zu gebären schien. Den Tod der Romantik im Angesicht der Weltlage hatte Künstler Uffe Isolotto hier unter dem Titel „We Walked the Earth“ hier inszeniert.

Rückblick Biennale - Maya McKechneay
Uffe Isolottos Installation: „We Walked the Earth“ im dänischen Pavillon.

Diverse Kunst im Vormarsch

In der Rückschau lässt sich sagen, dass die empathische Kunst tonangebend war auf der Biennale di Venezia. Viele Werke richteten ihr Augenmerk auf jene Gruppen, die in der Kunst jahrhunderte-, ja jahrtausendelang vernachlässigt wurden: Frauen als aktive Handlungsträgerinnen, LGBTQIA+ oder indigene Volksgruppen. Besonders ersichtlich wurde dieses Streben im Nordischen Pavillon, der Arbeiten einer europäischen indigenen Minderheit, der Samen, ausstellte. „Nehmt uns unser Land nicht weg, beutet die Natur nicht aus!“ lautete hier zwischen Birkenstämmen und Rentierhäuten die Botschaft, wenig überraschend, aber nachvollziehbar.

Österreichischer Pavillon: Plüschige Introspektion

Auch Österreich hatte mit Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl aka Soft Machine zwei Künstler:innen ausgewählt, die alles andere als Mainstream boten. Ihre psychedelische Plüschwelt erzählte von den unendlichen Gestaltungsmöglichkeiten von Sex und Gender. Letztlich war dieser Blick jedoch stark nach innen gewendet – ein gewisser Luxus in Zeiten der allumfassenden äußeren Krise. Wobei: Vielleicht wäre ja gerade die Selbstfindung eine wesentliche Voraussetzung zur Lösungsfindung für gesellschaftliche Probleme.

Biennale Rückblick - Foto: Maya McKechneay
"Können und Müssen" (Ability and Necessity), 2022" - ein männliches (Ohn-)Machtsgespann der deutschen Künstlerin Raphaela Vogel.

Raphaela Vogel: Todeszug mit Phallus

Und, klar – wer will beim Flanieren schon ständig die moralische Brille aufbehalten? Einfach nur lustig, zugleich aber klug und hintersinnig erwischte einen das von Raphaela Vogel hergestellte Gespann „Müssen und Können“ im Arsenal: Zehn geisterhafte Giraffenkörper, mehr Leichname als lebendige Wesen, zogen hier einen schlaffen Penis. Männliches Machstreben als Treiber weltweiter Ausbeutung. Wer keinen hochkriegt, kompensiert mit PS. Oder GS eben, Giraffenstärken. Eine der Allegorien, die einem im Kopf bleiben werden – auch lange nach Ende dieses Festivals, das von vielen gerade nach seiner coronabedingten Verschiebung um ein Jahr besonders sehnlich erwartet worden war.

Wie es wohl weitergehen wird? Ob die geschundenen Kreaturen die Machtkutsche noch lange ziehen? Ob sie rebellieren? Oder irgendwann am Boden liegen wie Isolottos Zentaur? Sicher ist: Wir freuen uns auf die Architektur-Biennale 2023 und die darauf folgende 60. Kunstbiennale (hoffentlich pünktlich im Jahr 2024), für die sich österreichische Künstler:innen schon jetzt bewerben können.

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