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Wie hässlich darf ein Kunstwerk sein?

Ausschnitt aus Caravaggios "Maria vom Rosenkranz" © Wikimedia Commons

Früher galten schmutzige Füße auf Gemälden als Provokation. Ist Schönheit in der Kunst auch heute ein Kriterium? 

Haben Sie schon mal vom „Paradox der Hässlichkeit“ gehört? Es besagt, dass wir schöne Dinge oft langweilig finden, weil das Unperfekte oder vielleicht sogar Hässliche einen stärkeren ästhetischen Reiz ausübt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Bild eines Sonnenuntergangs. Das ist zwar unglaublich schön, kippt aber schnell ins Kitschige. Oder umgekehrt: Oft bleibt ein Song gerade deshalb im Ohr, weil er schräg oder anders klingt, weil er überrascht, Ecken und Kanten hat. Er setzt sich von dem ab, was wir zur Genüge kennen und dadurch gar nicht mehr aktiv wahrnehmen.

Der gezielte Schock der Surrealisten

In der bildenden Kunst ist die Hässlichkeit seit Beginn der Moderne ein zentrales Thema, über das viel diskutiert wird. Die Surrealisten brachten ab 1920 das Schlagwort des Schocks ins Spiel. Ihre Kunst wollte nicht zum Selbstzweck provozieren. Die gezielte Irritation sollte unsere Sinne öffnen, uns erst empfänglich und sensibel machen für die Kunst, die es nicht nur mit dem Kopf zu erfassen galt, sondern die viel tiefere, unbewusste Ebenen erreichen sollte. Das – so glaubten die Surrealisten – sei allerdings erst möglich, wenn wir vorher unseren Schutzpanzer abgelegt hätten.
Caravaggio - "Maria vom Rosenkranz"
Caravaggio - "Maria vom Rosenkranz", 1607 © Wikimedia Commons

Caravaggios schmutzige Füße

„Es ist eine allgemeine Erscheinung in unserer Natur, dass uns das Traurige, das Schreckliche, das Schauderhafte selbst mit unwiderstehlichem Zauber an sich lockt“, schrieb der deutsche Dramatiker Friedrich Schiller schon im 18. Jahrhundert. Auch das Hässliche übt eine fortdauernde Faszination aus, obwohl sich im Lauf der Jahrhunderte verändert hat, was wir als hässlich bezeichnen. Vieles von dem, was vergangene Generationen schockierte, entlockt uns heute nur ein müdes Lächeln. Caravaggio malte im 16. Jahrhundert Menschen mit schmutzigen Füßen, fauligen Zähnen und Krampfadern. Damals ein Skandal, schließlich waren Caravaggios Zeitgenoss:innen gewohnt, dass Menschen auf Porträts idealisiert dargestellt wurden. Mittlerweile nennt man Caravaggios Ansatz von „Hässlichkeit“ schlichtweg Realismus.

Jeff Koons: Schön, hässlich oder jenseits?

Niemand würde heute mehr auf die Idee kommen, von der Kunst ein geschöntes Bild unserer Wirklichkeit zu erwarten. Vielmehr würden wir es als „Kitsch“ abtun. Mit Kitsch wird im Kunstkontext allenfalls ironisch operiert. Jeff Koons popkulturell aufgeladene Werke finden viele banal, seine Balloon-Dogs sind veredelter Alltagskitsch. Soll man sie schön finden? Oder hässlich? Oder stehen sie jenseits von solchen simplen Kategorien?

Jeff Koons - "Balloon Dog"
Jeff Koons - "Balloon Dog", 2016 - Foto: Hayk Shalunts/Shutterstock

Jake und Dinos Chapman: Genitalien im Gesicht

Es gibt aber auch Kunst, die bewusst hässlich sein möchte, weil auch die Welt nicht immer schön ist. Kunstschaffende wollen den Finger auf gesellschaftliche Wunden legen. Nehmen wir die nackten Kinderschaufensterpuppen von Jake und Dinos Chapman, denen Genitalien aus den Gesichtern ragen. Diese Puppen tragen Namen wie „Fuckface“. Arbeiten wie diese, sind Ikonen der jungen britischen Kunst (Young British Artists) , die Anfang der 1990er-Jahren angetreten ist, um die Gesellschaft zu schockieren. Dabei balancierten sie von jeher auf einem schmalen Grat zwischen Humor und Freude an der Provokation: Darf man lachen oder ist diese Kunst geschmacklos?

Picasso: Kunst für kommende Generationen

Auch, wenn der Boulevard jetzt widersprechen würde: Kunst muss nicht dekorativ sein. Nicht jedes Kunstwerk hat man gern daheim stehen. Aber meist ist es doch so, dass aus der historischen Distanz der Provokationswert eher sinkt. Oft verstehen erst die kommenden Generationen, was Künstler:innen sagen wollten. Je mehr wir wissen, desto weniger stößt uns Kunst ab. Picassos berühmtes Gemälde „Guernica“ (1937) soll zwar von den Schrecken eines Luftangriffs erzählen, aber mittlerweile wühlt uns dieser Klassiker der Kunstgeschichte nicht zwangsläufig auf.

Kunst als Feier des Nicht-Perfekten

Hässlichkeit und Schönheit sind also keine festgefügten Kategorien. Vielmehr Sie sind diese Begriffe fluid und werden geprägt von der Kultur, von Konventionen und Idealen, die uns umgeben. Spannende Kunst stellt gerade diese Regeln, die unsere Wahrnehmung lenken sollen, wieder lustvoll in Frage. Vielleicht sollten wir ja überdenken, was wir als schön, was als hässlich empfinden? Kunst hilft uns dabei, über das Bekannte hinaus zu denken. Sie feiert das Nicht-Perfekte. Paradox, aber irgendwie befreiend.
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