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Kunstkolumne: Worte haben keine Größe

Foto: Reno Laithienne/Unsplash
Robert Indiana - "Love" - Foto: Reno Laithienne/Unsplash

Was macht Text in einem Kunstwerk? Was will er dort? Was ergänzt er? Und braucht es ihn überhaupt? 

Als Robert Indiana 1966 aus vier Buchstaben ein Kunstwerk baute, das zu einem Logo, einer emblematischen Bildfigur wurde, nämlich LOVE, wurde etwas gesagt, das wohl gesagt werden musste, das zu jener Zeit dringend notwendig war, die komprimierte Aussage, um alle anderen Aussagen zu beenden, jeder versteht sie, eine lettristische Ikone des Pop, die ein Zugeständnis an die Zeit war, schön bunt, mit einem Buchstaben, der neckisch kippte.

Yoko Onos Ruf nach Frieden

Drei Jahre später kam Yoko Ono sozusagen mit der Fortschreibung: WAR IS OVER! (If you want it), einem Satz, den sie auf Plakatwände drucken und in vielen Metropolen der Welt aufhängen ließ. Wenn man so will, ist das Kunst als Agit Prop (Agitations Propaganda), die in diesem Moment so dringend notwendig war, um über die Bilder aus einem entsetzlichen Krieg eine klare Botschaft zu kleben, einen Wunsch zu formulieren, vielleicht einen naiven Wunsch in Ohnmacht und Entsetzen, aber das macht diesen Satz auf diesem schlichten Plakat so zeitlos, wie die vielen Versionen der Liebe von Robert Indiana.

Texte oder Worte in Kunstwerken sind immer riskant, weil in der Regel das Bild das Wort erschlägt.

Tex Rubinowitz

Texte oder Worte in Kunstwerken sind immer riskant, weil in der Regel das Bild das Wort erschlägt, wenn das Wort versucht, sich in das Bild zu drängeln. Nur leider ist das Wort oft zu schwach, wenn es darum bettelt, Bild zu werden. Worte haben keine Größe, wie Ludwig Wittgenstein es irgendwann mal postuliert hat. Er meinte damit, dass das Unsagbare oft mehr sagt, als ein Moment, ein Bild, eine Geste, ein Schlag ins Gesicht. Deshalb gibt es wenige Künstler, die sich trauen, zu ihren Bildern, ihren Kunstwerken schriftliche Ergänzungen mitzuliefern, weil sie eben wissen, dass sie mit einer Erklärung verloren haben. Das pure Wort oder der Satz müssen dermaßen stark und autark sein, dass sie eine eigenständige und zusätzliche Komponente liefern und nicht kontraproduktiv das Bild dekonstruieren.

Yoko Ono - WAR IS OVER! (If you want it)
Yoko Ono - "WAR IS OVER! (If you want it)", Tokyo - 4. November 2018 - Foto: Ned Snowman/Shutterstock

Geisterstimmen: Ed Ruscha und Cy Twombly

Die Worte, die Ed Ruscha in seine flachen, filmischen, hohen Himmel schreibt, sind wie Echos aus einer fernen Vergangenheit, enigmatische Geisterstimmen, paradoxerweise pathetisch wie leer und ratlos, geschrieben auf verwitterte Werbetafeln, irgendwo in der Mojave-Wüste ARTISTS WHO MAKE „PIECES“. Gar nicht so weit weg von Ruscha sind die introspektiven Kritzeleien bei Cy Twombly. Man kann sie kaum lesen, man kann sie nicht verstehen, weil der Künstler dermaßen in sich versunken ist, als würde er gerade in sich selbst verschwinden, sich selbst verdauen, es sind nur blasse Spuren, die ratlos wie die letzten Blätter im Herbst an den dürren, trockenen Ästchen hängen, kein Windstoß hat sie bisher fortwehen können, sie klammern sich mit keiner Kraft an das Nichts.

Agit-Prop von Jenny Holzer und Barbara Kruger

Die Agit-Prop Kunst von Jenny Holzer (PROTECT ME FROM WHAT I WANT) und Barbara Kruger (I SHOP THEREFORE I AM) hingegen ist weder poetisch noch zeitlos, sondern abgelaufen, für den Moment gemacht, eine Mode, die sicher mal ihre Berechtigung hatte, für eine Saison. Inzwischen wirkt sie wie pure Nostalgie auf einem Abreißkalender oder ein ganz okay klingender Spruch aus einem Glückskeks.

Gilbert & Georges DIRTY WORDS PICTURES hingegen sind Spuren, die zu unserem sprachlosen Unterbewusstsein führen, die unartikulierte, stammelnde Wut, der hilflose Hass und die erschöpfte Verzweiflung, der Dreck von der Straße und den Wänden, hier wird er in einem anderen Kontext sichtbar wie in einer Psychoanalyse der Stummen.

Tracey Emin: Kunst, die mit uns spricht

Der viele Text in den Kunstwerken von Tracey Emin erdrückt ihre Kunstwerke, sie werden zum Nebenschauplatz, weil Emins Biografie so entsetzlich, brutal und traurig ist, dass das Bild oder Objekt nicht mehr ausreicht, beispielsweise wenn sie all die Namen ihrer Liebhaber auf die Innenseite eines Zeltes stickt. Wo seid ihr? Warum habt ihr mich verlassen, warum hab‘ ich euch verlassen, warum bin ich immer noch hier in meinem Zelt? Sprecht mit mir.

Und bei Emin spricht die Kunst nun buchstäblich mit uns.

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