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eSeL.at: „Kunst kommt von Kommunizieren“

eSeL Lorenz Seidler.
Selbstinszenierung ist Teil des Jobprofils von eSeL Lorenz Seidler.

Performances, Atelierrundgänge, Vernissagen? – Wo gerade Kunst stattfindet, erfährt man in Wien von Lorenz Seidler.

Der Esel: laut Kreuzworträtsel ein Grau-Tier mit langen Ohren. Wenn es um Kunst geht, allerdings auch ein Tier, das seltsam geschrieben wird, nämlich mit einem großen „S“, für „Seidler“, und einem großen „L“, für Lorenz, kurz für den Namen des Masterminds hinter Wiens größter, stets tagesaktueller Infozentrale für Kunst.

Angefangen hat alles ganz klein, wie Seidler an einem grauen Winternachmittag in seinem Büro im Wiener MuseumsQuartier erzählt: „1998 habe ich im Freien Radio Orange begonnen, eine Sendung zu machen, in der sich ein gewisser Esel über Kunst schlau macht.“ Damals sei das Internet noch ganz neu gewesen. „Wir haben anfangs die Sendung mittels wöchentlichen Newsletters angekündigt. Damit aber der Newsletter relevant für unsere Leser:innen war, haben wir vier, fünf andere Kunsttermine – Vernissagen, Eröffnungen – mitgeschickt. Bis wir irgendwann gemerkt haben: Eine Kunstprogramm-Übersicht via Newsletter ist für die Leute richtig wichtig!“

„20 bis 30 Kunsttermine pro Tag“

Vom COVID-Ausnahmezustand einmal abgesehen, während dem der der gesamte Kalender umgestellt werden musste auf einen Überblick über Online-Veranstaltungen, ist seitdem keine Woche vergangen, in der nicht das eSeL-Mehl, also das wöchentliche E-Mail mit Ankündigungen an alle kunstinteressierten Wiener:innen rausgegangen ist. „Man kann sich das gar nicht mehr vorstellen“, sagt Seidler: „In der Anfangszeit gab es in Wien vielleicht fünf bis zehn relevante Kunsttermine pro Woche. Jetzt haben wir fünf bis zehn an einem schwachen Tag, normalerweise aber bis zu dreißig!“

Während die Radiosendung irgendwann von anderen Projekten abgelöst wurde, explodierten die Abozahlen des Newsletters: „Das war damals noch die Zeit, in der die Leute sich gefreut haben, wenn ein E-Mail kam“, sagt Seidler und lacht. Mit den Jahren seien dann Fotos zum Newsletter dazugekommen. Schließlich ist Fotograf Seidlers ursprüngliche Profession. Mittlerweile ist das eSeL-Portal ein richtiges Magazin – und ein Archiv dazu, das im Wesentlichen die Ereignisse der Wiener Kunstszene der vergangenen 24 Jahre dokumentiert.

Old School: Newsletter statt Social Media

Auch 2022 ist der Newsletter identitätsstiftender Anker und Angelpunkt. Hat sich dieses Format aus der Steinzeit des Internets eigentlich nicht längst überholt? „Ich habe alle anderen Formen der Informationsvermittlung kommen und gehen sehen“, sagt Seidler. „Die Social-Media-Kanäle ermöglichen die Kommunikation mit zunehmend fragmentierten Community-Blasen, sind aber abhängig von undurchsichtigen Algorithmen: Man kann nie wissen, wer was am Ende wirklich zu sehen bekommen wird.“ Deshalb bleibt er mit seinen Ankündigungen dem Klassiker treu. „Wenn ich etwas ausschicke, kann ich sicher sein: Der- oder diejenige, die das bekommt, wird das Mail wahrnehmen – und wenn’s nur wegen der schönen Bilder ist“, erklärt er und lacht.

Verändert hat sich seit 1998 allerdings Seidlers Ansatz der Vermittlung. Aktuell versuche er, sich als Autor selbst abzuschaffen, durch einen interaktiven, kollaborativen Ansatz: „Ich lade Blogger:innen, Sänger:innen, Smartphonebesitzer:innen aus den verschiedensten Milieus ein, etwas zu eSeL beizutragen. Ich nenne das den den eSeLSCHWARM, eine Gruppe von Menschen, die auf ihre Art Expert:innenstatus haben. Wir wollen die Leute empowern, Kunst ‚neben der Spur‘ zu genießen.“

„Wir wollen die Leute empowern, Kunst ‚neben der Spur zu genießen.“

Lorenz Seidler

eSeL-Schwarm: Immer rein ins Museum!

Wie dieses andere, antielitäre Kunstschauen funktioniert? Da kommt Seidler nun doch noch über das eigene Projekt ins Schwärmen. Er erzählt von einem Tischler, der Beiträge für eSeL schreibt – aus Perspektive des handwerklich geschulten Menschen, den die Ausstellungsarchitektur mehr interessiert als die Werke selbst. Das sei doch okay, sagt Seidler. „Man muss nicht immer den vollen Kontext verinnerlicht haben, um Kunst ‚richtig‘ zu sehen. Im Gegenteil: Die Diversität der Blickwinkel ermöglicht eine vielschichtige Wahrnehmung.“

eSeL: Exploring Raumstation - Offspace
eSeL: Exploring Raumstation - Offspace

Die Diversität der Blickwinkel ermöglicht eine vielschichtige Wahrnehmung.

Lorenz Seidler

Er erzählt von einem weiteren Autor, stellvertretender Filialleiter eines Supermarktes. „Der geht für uns mit Freunden ins Museum, die noch nie im Leben im Museum waren. Dann gibt es noch TikTok-Beiträge einer Bloggerin aus Kasachstan. Ihre Geschichten drehen sich auch mal um die Frage: Was ziehe ich im Museum an? Am Ende des Tages ergeben sich aus all diesen Beiträgen Blickwinkel, die ich zum Beispiel gar nicht mehr einnehmen könnte oder würde, in meiner professionellen Abgebrühtheit gegenüber Kunst.“

eSeLREZEPTION
Im Museumsquartier unterhält das eSeL-Team ein Büro mit Showroom.

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