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Van Goghs einzige Radierung

Radierung Vincent van Gogh - Gachet
Vincent van Gogh - "L'homme à la pipe", 1890

Zu Lebzeiten Vincent van Goghs (1853-1890) boomten Radierungen. Doch vom Meister selbst gibt es nur eine einzige: das Porträt seines Arztes Paul Gachet. Die Entstehungsgeschichte einer der wertvollsten Radierungen der Welt ist tragisch. 

Van Gogh lebte in einer Übergangszeit. Die Fotografie war bereits erfunden, doch noch nicht ausgereift. Erst allmählich erlöste sie die Radierung von ihrer „Pflicht“ der akkuraten Darstellung. Entsprechend freigespielt, begann im späten 19. Jahrhundert das Zeitalter der Radierung als Kunst. Zahlreiche Künstler wandten sich nun erst recht der althergebrachten Technik aus dem 16. Jahrhundert zu. In der Folge wurde es in bürgerlichen Kreisen schick, „Sammelmappen“ mit künstlerischen Originalgraphiken zu besitzen.

Kupferstichel statt Pinsel

Eine Ausnahme von diesem Trend bildet der niederländische Maler Vincent van Gogh, der Mann, der durch seinen expressiven Pinselstrich und die Leuchtkraft seiner Ölfarben berühmt wurde. Vielleicht entsprach das feingliedrige Arbeiten mit dem Kupferstichel einfach nicht seinem Naturell. Doch kurz vor seinem Tod schuf er doch noch eine Radierung, die die einzige in seinem Werk bleiben sollte. Sie zeigt ein Porträt seines Arztes, Paul Gachet. 61 Drucke wurden von van Goghs Kupferplatte angefertigt, die im Original heute im Pariser Musee d’Orsay liegt. Vierzehn davon sollen noch zu Lebzeiten gedruckt worden sein, die restlichen erst nach seinem Tod. Doch wieso wandte sich van Gogh so kurz vor seinem Tod noch der Radierung zu?

Manet, Cézanne, Pissaro und Renoir als Patienten

Die letzten zehn Wochen seines Lebens verbrachte der nervlich schwer angeschlagene Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise, einem idyllischen Örtchen nordwestlich von Paris. Hier stand der frisch aus der Psychiatrie entlassene Maler unter der Aufsicht von Dr. Paul Gachet (1828-1909). Heute würden wir diesen Mann, der sich selbst auch als Künstler verstand und sich in verschiedenen Druck- und Zeichentechniken ausprobierte, wohl als Prominentenarzt bezeichnen. Neben van Gogh behandelte Gachet auch Édouard Manet, Paul Cézanne, Camille Pissaro und August Renoir. Die Meinungen über seine Persönlichkeit sind geteilt: Einige sehen in ihm den manipulativen Paparazzo, der sich mit bestellten Werken bezahlen ließ, andere den verständigen Begleiter, der sich in die Seele der Künstler einfühlte.

Eine 1849 aufgenommene Daguerrotypie, die Paul Gachet in Uniform zeigt.
Eine 1849 aufgenommene Daguerrotypie, die Paul Gachet in Uniform zeigt.

Liebesverbot und Suizid

In seinen letzten Wochen fertigte van Gogh mehrere Gemälde von Dr. Gachet an. Das Gesicht des Arztes gehört heute zu seinen berühmtesten Motiven, und Dr. Gachet, der in der Technik der Radierung bewandert war und die nötigen Werkzeuge besaß, führt den Künstler auch an diese Technik heran. Van Gogh interessierte sich unterdessen nicht nur für den handwerklichen Input, sondern auch für die 28-jährige Tochter des Arztes. Als sich eine Liebschaft anbahnte, fuhr der Vater dazwischen. Dieses Verbot gilt als mögliches Motiv für van Goghs Suizid: Am 27. Juli 1890 soll er sich eine Kugel in die Brust geschossen haben. Der Arzt entschied, dass eine Operation zu gefährlich sei und ließ die Kugel im Körper. Zwei Tage später starb van Gogh.

Porträt und Gegenporträt

Gachet, der Hobbykünstler, skizzierte nun den Toten. Aus der Skizze entstand eine weitere Radierung: Van Gogh auf dem Totenbett. Das Profilbild, das das schmal und durchgeistigt wirkende Gesicht vor komplett schwarzem Hintergrund zeigt, ist von mittelmäßiger Qualität. Und dennoch gehören beide Werke zusammen. Van Goghs Porträt des Arztes, im Garten sitzend, die Pfeife im Mund und eine gewisse Selbstgefälligkeit im Blick. Und der Blick zurück, der Gegenschuss sozusagen, wenn man in filmischen Begriffen denkt, den der Arzt auf seinen Patienten wirft, tot. Sein Bild ist manieriert, das Klischee eines Totenporträts, das wohl kaum das Wesen des Verstorbenen trifft. Es dokumentiert das ultimative Versagen Gachets, als Künstler und als Arzt.

Paul Ferdinand Gachet - Vincent van Gogh auf dem Totenbett
Paul Ferdinand Gachet - "Vincent van Gogh auf dem Totenbett", 1890

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